Konzert-Rezension von Reiner Henn, in: Rheinpfalz vom 11. Juni 2002
Musik macht Musiker zum Medium. Klezmer-Klänge in der Rochuskapelle Hohenecken
"Was ist Klezmer?" Selbst in vielen Lexika findet sich nichts über die verstärkt ins Interesse rückende Musiktradition der Klezmorim. Diese Kardinalfrage wurde am Sonntagabend in der Rochuskapelle Hohenecken eindrucksvoll beantwortet: eine im osteuropäischen Judentum entstandene Musik in typischen Tonarten, charakteristischer Besetzung und bestimmter Idiomatik und Stilistik.
Genauer: Die Zigeunertonleiter (harmonisches Moll mit hochalterierender Quarte) sorgt für ungewohnte melodische Wendungen und harmonische Spannungen. Die Besetzung ist für musikalische Dialoge zwischen den Melodieträgern und Gegenspielern wie hier Geige (Matthias Helms) und Akkordeon (Rainer Ortner) ein idealer Nährboden, auf dem ein swingender Bassrhythmus (Peter Netta, Kontrabass) und ein pulsierender Notenflug von Achtelrhythmen der Gitarre (Thomas Damm) bestens gedeiht.
Wenn sich auch bei den Vortragsfolgen des Klezmer-Quartetts traditionell überlieferte und selbst komponierte Stücke mischen, so ist doch allen gemeinsam das ideenreiche Arrangement von Thomas Damm, der nicht auf stereotype Wendungen, sondern auf ideenreiche konzertante Bearbeitung setzt. Typisch und stilbildend ist das ständige Wechselspiel aus elegischen und ekstatischen, von melancholisch-schwermütigen und tänzerisch beschwingten Elementen, die oftmals nahtlos ineinander übergehen. Dieser Dualismus - textlich und musikalisch - prägt diese Musik ebenso wie typische melodische Wendungen und rhythmische Finessen. Schließlich zeigen südamerikansche Rhythmen und zeitgenössische Stilelemente, wie offen und lebendig Klezmer war und ist.
Jiddische, hebräische Lieder und Klezmer-Musik ergaben eine bewegende musikalische Reise auf den Spuren des Judentums. Bemerkenswert, dass dieses Ensemble als "Nichtjuden" die musikalische Auseinandersetzung mit jüdischer Kultur sucht und versucht, Aversionen gegen Minderheiten oder Fremde ad absurdum zu führen. Der Funke der musikantischen Begeisterung sprang auf Anhieb auf die vielen Besucher über, die von der Rochuskapelle nicht alle beherbergt werden konnten, so dass viele im Freien vor dem Eingang ausharrten und die Zeit vergaßen. Die Interpreten hinterließen den Eindruck, dass sie nicht nur selbst aktiv musizieren, sondern die Musik sie ergreife, erfülle und sie so selbst zu Medium mache. Diese Ergriffenheit und das ständig spürbare Bemühen, das Können in den Dienst dieser religiösen Idee und Botschaft zu stellen, waren die eigentliche Faszination des Konzertes, weitab von Routine.
Rezension von Kurt Rainer Klein, in: Deutsches Pfarrerblatt 5/2001
Uneingeschränkt empfehlenswert
Die beiden Freunde Matthias Helms (Geige und Gesang) und Thomas Damm (Gitarre) haben mit Rainer Ortner (Akkordeon) und Peter Netta (Kontrabass) nun eine CD mit sechzehn jüdischen Liedern (Klezmer, hebräische und jiddische Lieder) eingespielt, die einfühlsam produziert wurde. Mit einer Stimme, die in ihrer Klarheit verständlich ist und die Stimmungen feinfühlig zu transportieren versteht. Mit einem Arrangement, das nirgends überladen wirkt, die Tempi und Rhythmen beherrscht. Mit Instrumenten, die sich gegenseitig unterstützen und tragen. Mit Texten, die jüdische Tradition und Geschichte zu Klingen bringen...
Die Musik dieser CD spannt ein weites Gefühlsnetz. Es werden die unterschiedlichsten Stimmungen transportiert, die eigentümlich anrühren. Da werden Lebenserfahrungen an die Kinder weitergegeben: Das nachdenkliche und im Refrain fröhlich-ermutigende, zu Tanzen anregende „huljet huljet kinderlech“ weiß davon, dass der Lebensfrühling vom Lebensabend nur ein Katzensprung entfernt ist. Da heißt es, jeden Augenblick des kurzen Lebens auskosten. Das melancholische „oifn pripetschik“ erzählt von jüdischen Kindern, die bei ihrem Rabbi Hebräisch lernen, um die Tora zu lesen, die Kraft und Trost zu schenken vermag, wie die Vorfahren es erlebt haben.
Daneben verstehen es die instrumentalen Stücke mit ihren der jüeischen Musik eigentümlichen offenen Tonskalen, die Gefühle des Zuhörers zum Schwingen zu bringen und seinen freien Gedankenfluss in Gang zu setzen. „nign fun de tsigajner“ zjm Beispiel ist als treibende Melodie ein Gebet ohne Worte zu Gott.
Es mag verwundern, dass jüdische Musik von solcher Ausdrucksstärke von christlichen Musikern gemacht wird. Helms und Damm führen ein musikalisches Gespräch mit Juden und jüdischer Kultur und rufen in Erinnerung, was einmal in unserem Land sehr lebendig gewesen ist und Land und Leute in Deutschland mitprägte. Sie setzen auch ein Signal gegen Antisemitismus jeglicher Art. Sie spielen auf Einladung in Kirchengemeinden, auf Kirchentagen und zu kulturellen Veranstaltungen. Ihre CD und Musik ist eine Anfrage an unsere Dialogbereitschaft, Toleranz und Verstehen der Wurzeln unserer christlichen Religion. Wer sich darauf einlässt, wird wunderbar angerührt in einen Dialog mit seinem Gott hineingeführt- uneingeschränkt empfehlenswert.
Rezension von Cornelia Zeisig in: Pfälzisches Pfarrerblatt 3/2001
Jüdischer Alltag wieder lebendig
Nun ist die zweite CD der beiden Musiker und Pfarrer Matthias Helms aus Rodalben und Thomas Damm aus Münster erschienen - ein Ohrenschmaus und eine musikalische Entdeckung für alle, die sich von jüdischer Musik ansprechen lassen. In ihren jiddischen Liedern wird der jüdische Alltag wieder lebendig, die täglichen Freuden und Pflichten ebenso wie das Zusammenleben im Schtetl und die bedrückenden Erfahrungen des Ghettos und der bevorstehenden Vernichtung. Die Klezmermusik dieser CD besteht zu einem großen Teil aus eigenen Kompositionen. Hier ist zu spüren, wie sehr beide Musiker von den Harmonien und Stimmungen der jüdischen Klangwelten durchdrungen sind.
Es gelingt ihnen, eigene Lebenssituationen in die „Sprache“ der Musik zu übersetzen. Den dritten Teil der Einspielungen bilden die Stücke aus der synagogalen Liturgie. Durch die sorgfältigen Kommentare im Begleitheft werden wir in die Lage versetzt, zentrale gottesdienstliche Melodien und Gesänge kennenzulernen. Zu der Vielfalt der musikalischen Traditionen tritt die Vielfalt der Instrumentierung: neben Geige und Gitarre wird der Klang durch Akkordeon und Kontrabass abgerundet. Seit mehr als dreizehn Jahren spielen und singen Naschuwa miteinander - ihre Freude und ihre Kenntnis jüdischer Musik muss man gehört haben!
Pirmasenser Zeitung vom 30.10.2000
Das Folkduo „Naschuwa“ begeisterte die Besucher in Herschberg
Das Folkduo „Naschuwa“ gibt es schon seit 13 Jahren. Damals schlossen sich die Theologiestudenten Matthias Helms und Thomas Damm zusammen, um mit Hilfe jiddischer und hebräischer Lieder ihre Sprachkenntnisse in Hebräisch zu verbessern. Damals ahnten beide nicht, dass daraus einmal eine Gruppe werden würde, die vor Publikum auftritt und ihren Zuhörern Beifallsstürme entlockt, wie es am letzten Freitag in der Bürgerhalle in Herschberg der Fall war.
Helms (Violine) und Damm (Gitarre) hatten sich an diesem Abend mit dem Akkordeonspieler Rainer Ortner verstärkt. Das Trio musizierte mit einer unerhörten Leichtigkeit. Einfachste Mittel wie Fingerschnalzen oder der sparsame Einsatz von Schlaginstrumenten unterstrichen die instrumentalen Fertigkeiten der drei Musiker. Damm beherrschte virtuos seine Gitarre, Ortner blieb mit seinem Akkordeon stets wohltuend im Hintergrund und bei Helms wussten die Zuhörer nicht, was sie mehr bewundern sollten: sein kunstvolles Spiel auf der Violine, seine sängerischen Fähigkeiten oder sein umwerfend komisches Talent, die Leute zu unterhalten.
„Wir wollen in unseren Konzerten den Leuten zeigen, dass es sich nicht lohnt, mit hängenden Mundwinkeln durchs Leben zu gehen“, machte Helms während des Konzerts dem Publikum die Philosophie des Trios immer wieder deutlich. „Gerade in Deutschland neigen viele Menschen häufig dazu, sich nicht recht zu trauen, ganz einfach fröhlich zu sein. Wir möchten dem ein wenig entgegenwirken. Außerdem wollen wir den Leuten dabei helfen, von ihren Vorurteilen, aber auch von einem diffusen Schuldbewusstsein bezüglich unserer Geschichte weg zu kommen.“
Das dürfte den drei Musikern an diesem Abend bestens gelungen sein. Die Zuhörer waren über das reichlich lange Programm jeden falls entzückt und spendeten entsprechend Beifall. Natürlich wurde die geforderte Zugabe gern gewährt.
Münsterische Zeitung vom 6.11.1999
Als die Synagogen brannten - Jüdische Musik mit „Naschuwa“ zur Reichspogromnacht
Anläßlich des Gedenktages veranstaltet der Kulturverein Nottuln ein Konzert mit jüdischer Musik. Am 9. November, 20 Uhr in der Alten Amtmannei tritt das Folkduo „Naschuwa“ auf, zwei Musiker, die ihr Publikum auf eine Reise durch vergessene und gegenwärtige jüdische Welten mitnehmen wollen. Auf dem Programm stehen jiddische Lieder, hebräische Lieder und Klezmer-Musik. Die Lieder erzählen Geschichten vom Alltagsleben im jüdischen Stetl, von der Liebe, vom Leiden in der Unterdrückung, aber auch von Israel-Palästina und dem Wunsch nach Frieden. Die traditionellen und modernen Klezmerstücke - eine jiddische Mischung von Folk und Jazz - transportieren Fröhlichkeit und Lebendigkeit.
Die Stärke der beiden Musiker Thomas Damm, Münster (Gitarre, Gesang), und Matthias Helms, Rodalben (Geige, Gesang), die seit zehn Jahren zusammen spielen und auftreten, liegt in der Lebendigkeit und Authentizität, mit der sie ihre Stücke präsentieren. Man spürt ihnen die intime Kenntnis des Judentums sowie ihr gesellschaftspolitisches Engagement ab. Beide Theologen verstehen es, ihrem Publikum Fremdes und Vertrautes in einer Dichte nahezubringen, die begeistert und zugleich betroffen macht.
Über kurze Life-Einspielungen im WDR-Hörfunk und im Bayrischen Fernsehen hinaus hat sich das Folkduo Naschuwa mit ihrer CD „shmire shteyn“ einen Namen gemacht. Eines ihrer schönsten und wichtigsten Konzerte haben beide eigenen Angaben zufolge im vergangenen September in der ältesten und wichtigsten Synagoge Deutschlands, in der Großen Synagoge Worms, gegeben.
Rheinpfalz vom 16.11.1998
Eine Welt wird über Musik lebendig
... Matthias Helms und Thomas Damm verstanden es in beeindruckender Weise, das nicht vertraute Liedgut dem Zuhörer verständlich zu machen. Lieder wie „Baj mir bistu shejn“, „If I were a rich man“ aus Anatevka oder „Hava Nagila“ waren die etwas gängigeren Melodien. Doch das Repertoire der beiden Pfarrer ging weit darüber hinaus. Sie trugen hebräische Lieder aus dem heutigen Israel und liturgische Stücke aus dem Synagogengottesdienst genauso überzeugend vor wie die jiddischen Lieder aus vergangenen, ausgelöschten jüdischen Welten in Osteuropa, sowie Klezmer, das heißt Instrumentalstücke, die - aus dem osteuropäischen Judentum kommend - in Amerika mit dem Jazz verschmolzen sind.
„Naschuwa“ ist es ein Anliegen, in Erinnerung an die eigene Geschichte und Gegenwart dem Besucher diese Welt vor Augen zu rufen, eine Welt, die über die Musik besonders lebendig wird. Das alles hat der Zuhörer am Freitagabend auch so verstanden. Meisterhaft haben es die beiden Musiker auch verstanden, das Publikum ins Geschehen mit einzubeziehen. Der Beifall sowie der Wunsch nach einer Zugabe sind ein Beweis dafür, dass dieser Abend nicht spurlos an den Besuchern vorübergegangen ist.
Tagespost Speyer vom 27.11.1995
Klezmer für Kenner
„Naschuwa“, das jiddisch-hebräische Klezmer-Folkduo in Person zweier Vikare, vollendete mit einem Konzert in der Johanneskirche eine dreistufige Gemeinde-Information. Dem Vortrag über jüdisches Leben und dem Heidelberger Synagogen-Besuch setzten Matthias Helms und Thomas Damm mit ihrer Musik die Krone auf. Helms arbeitet an der Johanneskirche. Eine einfühlsame Violine beherrscht er spielerisch in allen Lagen, das ist wörtlich zu nehmen. Und er singt mit einer Inbrunst und Intimität unter ausgiebigem Einsatz von Mimik und Gestik, daß die Zuhörer - zugleich Zuschauer - sofort in seinen Bann gezogen werden.
Mit Thomas Damm, aus Münster angereist, ist er seit Studientagen befreundet. Dieser ist auf der Gitarre seinem Partner technisch ebenbürtig - die Finger fliegen über die Saiten, und jeder Griff sitzt perfekt. Perfekt auch der immer wechselnde Rhythmus, mit dem er für Matthias Helms den Boden bereitet.
Die zwei protestantischen Theologen haben es sich zur Aufgabe gemacht, an das Leid der Juden, von Christen verursacht, zu erinnern und Menschlichkeit im Umgang mit dem Fremden anzumahnen. Ihre aus kleinen Anfängen entwickelte Musik ohne elektronischen Hilfen ist längst aus dem Laien-Stadium heraus. Da bieten zwei Könner einen Spitzen-Beitrag „fremder“ Musik-Kultur, der gerade für unsere Stadt und ihre von Juden mitbestimmte Geschichte ein Glücksfall ist.
Westfälische Nachrichten vom 2.4.1992
Naschuwa - Konzert mit jüdischen Liedern
Mit ungewohnter Musik begeisterte das Folkduo Naschuwa am Dienstagabend in der evangelischen Kirche „Unter dem Kreuz“. Die beiden Theologiestudenten Matthias Helms und Thomas Damm präsentierten eine interessante Mischung aus jüdischen und jiddischen Liedern. Rund 50 Besucher lauschten den beiden Virtuosen. Ihr Repertoire reichte von tiefreligiösen bis hin zu jazzähnlichen Werken (Klezmer).